Leseprobe: Eisfunken
Leseprobe
Eisfunken
Band 1 der Eisfeuer-Saga · alle fünf Bände erschienen
Prolog und Kapitel 1
Prolog
Die Hohepriesterin beugte sich über die Wiege und besah sich den kleinen Prinzen. Das Licht der Morgensonne, das auf sein Kinderbett fiel, spielte mit seiner Magie und ließ rote, blaue und grüne Punkte auf seinem Gesicht tanzen. Mit diesen zartrosa Pausbacken, dem Halbmondmündchen und dem leisen Schnarchen wirkte er, als könnte er dieser Welt niemals Schaden zufügen. Doch sie hatte im Spiegel seine Zukunft gesehen. Genau wie sein Vater würde er nicht den Weißen Weg gehen. Er würde ein ebenso verwerfliches Leben führen, sich von seinen Farben leiten lassen und Estraora ins Elend stürzen, indem er den langen Winter beendete.
Das durfte sie nicht zulassen.
Sie legte die anderen beiden Jungen, die die Amme des Waisenhauses ihr vor einer Stunde übergeben hatte, mit in die breite Wiege. Es war im Grunde ein Akt der Barmherzigkeit, diesen zwei mittellosen und mäßig begabten Winterelfen ein Leben fernab von Hunger und Armut zu schenken.
Da alle Vorbereitungen getroffen waren, ging sie zur Tür, um die Winterelfe hereinzuwinken, die sie vor vielen Jahren unter ihre Fittiche genommen hatte. „Du kannst beginnen.“
Den Eiskristall vorsichtig in beiden Händen schlich das Mädchen zu der Kinderwiege. „Und Ihr seid wirklich sicher?“ Ihr Blick huschte nervös über die Neugeborenen.
„Wir haben das doch besprochen. Du weißt noch die Worte?“
Sie nickte fahrig und hielt den Kristall mit zitternden Fingern in den Sonnenschein, der auf die Kinder fiel. Herrlich reinweiße Magie sammelte sich in dem Prisma und schenkte ihr die Kraft, die sie für das Aussprechen des Fluchs benötigte. „Der Kristall fängt im Herzen dein Licht, das er mit aller Macht in seine Teile bricht. Ein Rot, das bei jedem Funken Wut erglüht, ein Grün, aus dessen Kern leicht Nähe erblüht, ein Blau, das flüchtiger ist als jeder Wind; Kräfte, die nicht länger nur die deinen sind.“ Die Elfe keuchte, als sich die unendliche Gewalt des Eiskristalls entfaltete. Vor Schreck ließ sie ihn in die Wiege fallen, doch der Zauber nahm bereits seinen Lauf. Der Stein riss die Magie des Prinzen an sich, spaltete seine Farben und verteilte sie auf die Kinder. Die dabei freigesetzte Kraft peitschte ihnen ins Gesicht und zerbarst die Scheiben, woraufhin eine angenehm trockene Kälte den Raum flutete.
Ein Grollen rollte über den Himmel, als würden die hohen Mächte ihre Zustimmung kundtun. Dann wehte Schnee durch die zerbrochenen Fenster in das Prinzengemach, rieselte sanft zu Boden und brachte die friedliche Stille des Winters mit sich.
Damit war es besiegelt. Der Prinz würde dem Land niemals Schaden zufügen.
„Was ist geschehen?“ Die Tür zum Kinderzimmer flog auf. Mit großen Schritten kam das neueste Mitglied ihres Rates auf sie zu. Die Augen der Novizin weiteten sich, als sie in die Wiege sah. „Wer sind diese Kinder?“
„Das sind die drei Prinzen.“
Sie blinzelte. „Aber … Die Königin hat heute nur einen Sohn geboren.“
„Wir werden das Volk etwas anderes glauben lassen. Von nun an sind diese drei Jungen unwiederbringlich miteinander verbunden.“
„Ihr … Ihr habt den Eiskristall eingesetzt, um den Thronfolger zu verfluchen?“ Ihre Glaubensschwester starrte von ihr zu dem Mädchen.
„Das war die beste Lösung. Der Prinz wäre zu mächtig geworden.“
„Der Stein wurde dafür geschaffen, Magie zu vereinen, und nicht, um sie zu spalten.“
„Stellt Ihr mein Handeln etwa infrage?“
„Nein. Das würde ich mir nicht anmaßen“, erwiderte die Novizin übereifrig und ihre Miene verschloss sich. Sowohl das zu schnelle Kopfschütteln als auch der panische Blick, der zwischen den winzigen Gesichtern hin und her sprang, straften ihre Worte Lügen. „Darf ich fragen, was ‚unwiederbringlich‘ bedeutet? Habt Ihr keine Möglichkeit festgelegt, wie der Zauber gebrochen werden kann?“
„Das habe ich nicht.“
„Bitte erlaubt mir anzumerken, dass der Stein seinen eigenen Gesetzen unterliegt. Sofern es keinen Weg gibt, diesen Fluch zu lösen, kann der Kristall nicht mehr benutzt werden.“
„Das ist mir bewusst. Der Vater des Prinzen zeigt uns gleichwohl tagtäglich, dass das Königshaus nicht über derart viel Macht verfügen sollte. Es ist besser, wenn die künftigen Könige nicht länger auf die Magie des Eiskristalls zugreifen können.“
„Damit wäre der Stein auch für uns verloren. Stellt Euch nur vor, zu welch großen Taten der Orden mit seiner Hilfe imstande wäre, sobald die Zeit reif ist.“ Sie sah scheu zu ihr auf, die Hohepriesterin erkannte aber die Berechnung in ihren Augen. Diese Novizin würde es zu etwas bringen, so viel war sicher. „Euer Rat wird Schwierigkeiten haben, diese Entscheidung nachzuvollziehen.“ Ihre offenkundige Drohung schwächte sie mit einem unterwürfigen Blick ab. Bestimmt würde sie den anderen Novizinnen höchstpersönlich von den heutigen Geschehnissen berichten.
Zwar war die Hohepriesterin nicht auf die Gunst ihres Rates angewiesen, doch eine von ihnen würde irgendwann an ihre Stelle treten und die Kräfteverhältnisse würden sich verschieben. „Vielleicht habt Ihr recht.“ Nachdenklich tippte sie sich mit dem Zeigefinger ans Kinn, dann bedeutete sie dem Mädchen, den Kristall aufs Neue an sich zu nehmen und ins Licht zu halten. „Sprich mir nach.“
Die Winterelfe tat wie geheißen und während sie die Worte wiederholte, verwandelte der Edelstein die Sonnenstrahlen in ein blendend weißes Licht. Aus dieser Kraft wob er das winzig kleine Schlupfloch, wie der Fluch gebrochen werden konnte.
Gemächlich drehte sich die Hohepriesterin zu ihrer Novizin um. „Zufrieden?“
Die Lippen ihrer Glaubensschwester bebten. „Niemand kann all diese Bedingungen erfüllen. Ausgeschlossen.“
Ein kaum merkliches Lächeln schlich sich in die Mundwinkel der Hohepriesterin. „Ihr habt auf einen Ausweg bestanden, und ich bin Eurem Wunsch nachgekommen.“
Nach einem tiefen Atemzug richtete sich die Novizin kerzengerade auf und sah erneut hinab in die Wiege. „Wer von den dreien ist der wahre Prinz?“
„Das“, die Hohepriesterin wandte sich zum Gehen, „spielt von nun an keine Rolle mehr.“
Kapitel 1
Rote Wesen sind am schwierigsten zu bändigen. Ihre Kraft schöpft sich aus hingebungsvoller Leidenschaft und dem Drang nach Abenteuern, aber auch aus Wut, die wie ein Raubtier um sich beißt, wenn man ihr zu nahe kommt.
Auszug aus den Weißen Schriften
Kapitel 1: Lehre der Farben, Absatz 2 – Rot
Feuer brach aus Eyras Händen und sie formte mit den Flammen einen brennenden Zylinder, der an der Krempe goldgelb glühte. Aus der Hutmitte ließ sie Funken emporstieben und verband sie zu der Form eines Kaninchens. Das glühende Tierchen hüpfte in die Luft und zerbarst in einem Funkenregen.
Vereinzelter Applaus erklang und Eyra erkannte hinter der flimmernden Luft, dass einige Passanten stehen geblieben waren. Also setzte sie zu dem Kunststück an, mit dem sie ihre Zuschauer für gewöhnlich am meisten beeindruckte. Sie verdichtete den kläglichen Rest der Hitze, der nach dem langen Arbeitstag noch in ihrem Bauch brannte, und leitete sie in ihre Finger, um eine Feuerwand vor sich zu ziehen. Mit etwas Anlauf schlug sie einen Salto durch den Flammenwall, der daraufhin versiegte, und kam direkt vor zwei Winterelfen auf dem Boden auf.
Schnell trat Eyra zurück und nickte einem älteren Gnom zu, der eine Kupfermünze in ihren viel zu leeren Hut warf und weiterzog. Normalerweise war die Sentergasse der perfekte Standort für Gaukler, denn wegen der zahlreichen Schenken herrschte hier Tag wie Nacht reges Treiben. In diesem Sündenpfuhl, in dem die Besucher nach wie vor feierten und die Farben leuchteten, saß das Geld ein bisschen lockerer. Außerdem war sie früh gekommen, um die Ecke zwischen dem Alten Hahn und dem Schwarzen Raben zu besetzen. Aufgrund des besonders harten Winters eilten die Kneipenbesucher aber nur noch durch die Straßen und das ohnehin knappe Geld wurde eher für warmen Honigwein ausgegeben als für die Darbietung einer Gauklerin. Sie konnte es den Leuten nicht verdenken.
Ihre Zuschauer zerstreuten sich, doch die zwei Winterelfen blieben zurück. Im Augenwinkel verfolgte Eyra, wie sich der Taschenspieler zu ihrer Linken sang- und klanglos verzog. Sie würde aber nicht vor den beiden Eisklötzen flüchten.
An ihren pelzbesetzten Mänteln, dem sauber getrimmten Haar und den polierten Stiefeln erkannte sie, dass sie aus einem Edelquartier kamen. Wie man es von ihrer Art kannte, strahlten sie nichts als unterkühlte Ausgeglichenheit aus, was es schwer machte, ihre Absichten einzuschätzen. Warteten sie auf ein weiteres Kunststück oder dachten sie darüber nach, sie bei der Weißen Garde anzuprangern, da sie ihre Feuermagie so offen zur Schau stellte? In beiden Fällen war es wohl besser, freundlich zu sein. Waren sie tatsächlich fürs Vergnügen hier, durfte sie sich die Chance auf ein Silber nicht entgehen lassen. Wollten die zwei sie verpfeifen, konnte Eyra sie vielleicht mit ein wenig Charme davon abhalten. „Eine Extravorstellung gefällig?“ Der neckische Tonfall kostete sie einiges an Überwindung. Sie zwang sich zu einem Lächeln, während ihre Magie anschwoll und in ihrem Bauch kitzelte. Wie immer fraß sich die Wut beim Anblick von Winterelfen wie ein Schwelbrand durch ihre Adern und entfachte die Glut in ihrem Inneren.
Der Schmalere der Männer trat näher. „Dann zeigt uns, was Ihr könnt.“
Am liebsten hätte Eyra das brennende Abbild des königlichen Palastes in die Luft gemalt. Das würde ihr einen Moment der Genugtuung bescheren, davon wurde sie allerdings auch nicht satter. Also sammelte sie ihre Hitze und zeichnete mit einem Feuerstrahl verschiedene Kartensymbole in den platt getretenen Schnee zu ihren Füßen. Unter dem Herz, Karo, Pik und Kreuz kam der graue Pflasterstein zum Vorschein, der seit vielen Jahrhunderten von einer dicken Schneeschicht verdeckt wurde.
Die Winterelfen verzogen keine Miene, weshalb Eyra beschloss, eine Schippe draufzulegen. Sie hob die Hände und verwandelte die Luft in ein wortwörtliches Flammenmeer, indem sie dem Feuer die Form von Wellen gab, die über die Köpfe der Passanten hinwegbrandeten. Als ihre Magie sich dem Ende neigte, senkte sie die Arme und reckte ihr Kinn. „Zufrieden mit der Vorstellung?“
„Das war beachtlich.“ Der Elf, der sie zum Fortfahren aufgefordert hatte, legte den Kopf schief. „Wie bewahrt Ihr bei dieser Kälte Euer Feuer?“ Der Ansatz eines Lächelns lag auf seinen Lippen, was Eyra irritierte. Winterelfen lächelten nicht. Niemals. Doch gewöhnliche Winterelfen verirrten sich auch nicht in die Sentergasse, um sich zu amüsieren. In diesem verrückten Viertel suchten die Gäste alles, aber gewiss keine Ruhe und Ausgeglichenheit, wonach ihresgleichen so sehr strebten. Hier ging es um wildes Vergnügen, um grenzenlose Freiheit, um die kleine oder ganz große Liebe … schlicht ums Leben. Von alledem hatten Winterelfen keine Ahnung.
Als hätte er ihre Verwirrung bemerkt, wich seine Belustigung abrupt einem nüchternen Ausdruck. Wahrscheinlich würde er sofort nach Hause eilen und Buße tun, weil er sich zu ein bisschen Freude hatte hinreißen lassen.
„Ich trage genug Hitze in mir, um Euren Winter zu überleben.“ Zwar war sie um einen sachlichen Tonfall bemüht, ganz konnte sie den Trotz in ihrer Stimme allerdings nicht bändigen.
Erneut schmunzelte er. „Und womit entfacht Ihr diese Hitze, Feuermädchen?“
Machte er sich über sie lustig? Eyra ballte die Hände zu Fäusten. Ach, zum Teufel mit der Freundlichkeit. „Die Wut über das Leid, das die Euren über dieses Land gebracht haben, schürt mein Feuer hinreichend, um zurechtzukommen“, zischte sie auf die Gefahr hin, von den beiden doch noch an die Weiße Garde verpfiffen zu werden. Zumindest hatte sie sich mit dieser gepfefferten Antwort das erhoffte Silber verspielt. Sie würde ihre Aufsässigkeit bitter bereuen, wenn sie und ihr Bruder am Abend vor leeren Tellern saßen, in diesem Moment bescherten ihr die Worte aber ein wohliges Gefühl im Magen. Dabei entsprachen sie nicht einmal der Wahrheit. Ja, ihr Zorn nährte die Magie, doch sie brauchte ein Kaminfeuer am Abend, um wieder zu Kräften zu kommen.
„Wut ist kein guter Wegbegleiter“, erwiderte der Kerl unbekümmert und schielte zur Seite, als würde er ebenso seinen Kameraden belehren. Oder waren sie Brüder? Im Grunde sahen alle Elfen des Winters ähnlich aus: dieselbe helle Haut, die an glitzernden Raureif erinnerte, ebenmäßige Züge, spitze Ohren, silberweißes Haar und Augen so graublau und kalt wie ein eingefrorener Bergsee.
Sie streckte den Rücken durch. „Zorn ist für viele von uns das Letzte, das von unserer Leidenschaft übrig bleibt.“
Der eine Elf hatte Eyra mit seinem Lächeln überrascht, der Größere der beiden erstaunte sie nun mit seiner schlagartig finsteren Miene. Bislang hatte sie nur Winterelfen getroffen, die ihre innere Ruhe mit Stolz nach außen trugen. Dieses Exemplar regte sich aber eindeutig über ihre Antwort auf, was Eyra zu einem breiten Grinsen verleitete.
Für einen Moment verhakten sich ihre Blicke ineinander und wo in den Augen seiner Artgenossen normalerweise nichts als Kälte zu finden war, blitzte bei ihm ein Hauch von Verdrossenheit auf. „Wir gehen.“ Knurrend stapfte er durch den Schnee davon – natürlich, ohne eine Münze für ihre Darbietung dazulassen.
Sein Begleiter schaute ihm hinterher, sah zu ihr und wieder zurück. Letztlich zuckte er mit den Achseln und eilte ihm nach. Damit war sie dahin, ihre Chance auf ein wenig Brennholz und ein Abendessen. Wie es aussah, musste sie sich das Geld also auf unliebsamere Weise besorgen.
Eine junge Sonnenelfe mit roten Apfelbäckchen zog ihre Aufmerksamkeit von den Winterelfen fort. Sie patschte mit ihren dicken Stiefeln in die herzförmige Pfütze, die Eyra bei ihrem Spektakel in das Eis gebrannt hatte. Diese war schon fast zugefroren.
Eyra lockte erneut ihr Feuer herbei, das nunmehr schwach in ihrem Herzen glomm. Sie hatte sich bereits am Morgen verausgabt, in der Hoffnung, gegen Mittag genug verdient zu haben, um Zeit mit Naran verbringen zu können. Ihr jüngerer Bruder bedurfte dringenderer Aufheiterung als dieses Mädchen hier. Da die kindliche Freude der Kleinen ihr aber ein seltenes ehrliches Lächeln entlockte, taute Eyra eine andere Stelle auf.
Die Sonnenelfe quietschte vergnügt, kniete sich nieder und planschte mit den Fingern in der Wasserlache.
„Es ist so schön warm“, stieß sie aus und eine helle Farbaura hüllte sie ein. Viele verloren beim Älterwerden die Farben ihrer Magie und Eyra hoffte, diese Sonnenelfe würde so für ihr goldgelbes Licht kämpfen wie sie für das Rot ihres Feuers.
Die kleine Elfe legte ihren Kopf in den Nacken. „Dir ist bestimmt nie kalt, oder?“
Eyra ging in die Hocke und stupste sie auf die Nase. Dabei ließ sie ein kreisrundes Rauchwölkchen aufpuffen.
Das Mädchen schreckte erst zusammen, ehe es kicherte.
„Ich friere fürchterlich. Die ganze Zeit.“ Feuerwesen ertrugen den Winter wahrscheinlich am schlechtesten.
„Warum machst du es dir nicht mit deinem Feuer warm?“
„Brennholz ist knapp und meine Magie ist irgendwann erschöpft.“
Die Kleine kniff Augen und Lippen zusammen, während sie überlegte. „Dann musst du in die Sonne.“
„So funktioniert das bei dir. Mir hilft ein Kaminfeuer.“ Was sie daran erinnerte, dass ihr Geld höchstens für ein bisschen Reisig reichen würde.
„Marie!“, schrie eine Frauenstimme.
„Mama …“
„Weg von dieser Frau! Ihresgleichen macht nur Ärger. Merk dir das.“ Ihre Mutter, die aus einem Geschäft gekommen war, zerrte sie von Eyra fort.
„Sie war sehr nett.“ Im Gehen sah Marie über ihre Schulter und zwinkerte Eyra zu, was diese postwendend erwiderte.
„Halte deine Magie bei dir!“ Ihre Mutter zeterte weiter, woraufhin die Kleine ihren Sonnenschein in sich verschloss. „Wenn die Weiße Garde kommt …“ Der Rest ihres Vortrags ging im Rattern von Kutschenrädern unter. Eyra konnte sich ohnehin denken, wie er weiterging. Die Garde duldete keine Zurschaustellung von Magie. Alle sollten sich ruhig und unauffällig verhalten. Und ganz sicher wollte sich keiner mit den Wächtern des Ordens anlegen.
Eyra fischte ihren Wollhut vom Boden, zählte die wenigen Taler und steckte sie in die Tasche ihres Mantels. Mit einem tiefen Seufzen steuerte sie den schmaleren Teil der Gasse an. Vor dem Krämerladen stand eine lange Schlange und versperrte den Passanten den Weg, was zu einem wilden Gedränge führte. Die Leute vor dem Geschäft hingegen warteten gesittet in Reih und Glied. Im Gegensatz zu den Besuchern der Schenken kamen sie nicht hierher, um sich zu amüsieren. Sie wollten eine der Kuriositäten oder seltene Kräuter erstehen, die es nur in der Sentergasse zu kaufen gab. Demnach kehrte niemand seine Magie nach außen, keiner unterhielt sich angeregt oder wagte es, gar zu lachen. Wie im Rest der Stadt redeten sie leise und schmunzelten allenfalls hinter vorgehaltener Hand.
Eyra bestahl einzig und allein jene, die den Verlust einiger Münzen nicht einmal bemerkten, deswegen sah sie sich nach teuren Pelzmänteln um. Ihr Blick wanderte über die Menge und blieb bei dem Winterelfen hängen, der sie belächelt hatte. Wie es aussah, erledigte er das mit der Buße später, denn er lehnte mit überschlagenen Beinen an einer Hauswand und beobachtete das Treiben.
Jedes Mal, wenn eine absonderliche Gestalt an ihm vorbeilief, wurden seine Augen kugelrund. Mit unverhohlener Faszination betrachtete er einen Waldgnom, der dem Met etwas früher hätte entsagen sollen, ein Feenpaar, das … nun ja, seine Zuneigung recht unverblümt zeigte, und eine Horde junger Waldelfen, die neben ihm aus einer Schenke traten und wild gestikulierend durcheinandergrölten.
Eyra überlegte kurz, ob sie seine Ablenkung für sich nutzen und ihn um die ein oder andere Münze erleichtern sollte. Da er jedoch abseits der Menge stand, verwarf sie den Gedanken und verlagerte ihre Suche auf das Gedränge vor dem Laden. Dort entdeckte sie eine Sonnenelfe, für deren Pelzumhang mehr als ein Nerz sein Leben hatte lassen müssen. Auch der mit Kristallen besetzte Kragen ließ keinen Zweifel daran, dass sie die Richtige gefunden hatte.
Eyra prüfte den bewölkten Himmel. Zwar hielt sich ein Trupp der Weißen Garde stets in der Nähe der Sentergasse auf, es war aber kein Schnee zu erkennen, der die Gesetzeshüter ankündigte.
Wo Eyra sonst um die Aufmerksamkeit der Leute buhlte, versuchte sie jetzt, möglichst unsichtbar zu werden. Sie wickelte ihre leuchtend roten Locken zu einem dicken Knoten zusammen und schob ihn in den Nacken, ehe sie ihre Kapuze überstülpte und tief ins Gesicht zog. Den Kopf gesenkt, trat sie in das Getümmel und rempelte wie zufällig die betuchte Dame an. Sie murmelte eine Entschuldigung und ließ ihre Hand in deren Tasche gleiten. Dort bekam sie ein schweres Säckchen zu fassen. Wäre sie auf ein paar lose Münzen gestoßen, hätte sie nur zwei oder drei herausgenommen. So musste sie binnen einer Sekunde entscheiden, ob sie alles oder gar nichts nahm. Sie entschied sich für alles und drängte weiter durch die Menge. Den Beutel stopfte sie durch ein Loch in ihrer Manteltasche in das Innenfutter.
Mit gemächlichen Schritten, damit die Münzen nicht klimperten, ließ sie die Menschenansammlung hinter sich und schlenderte auf eine Seitengasse zu. Gerade als sie dachte, wie einfach es war, Unrecht zu tun, während ein ganzer Tag harter Arbeit nicht zum Überleben reichte, erklang ein spitzer Schrei. „Ein Dieb. Ich wurde bestohlen. Hilfe!“
Eyra wirbelte herum und legte einen gespielt verwunderten Gesichtsausdruck auf. Die Leute sahen sich um, als könnten sie den Ganoven Macht ihres Blickes enttarnen, und sie tat es ihnen gleich. Ein leiser Stimmenteppich erhob sich, nicht mehr als ein gedämpftes Getuschel. Es kam Bewegung in die Menge, da alle ihre Taschen abklopften, sicherlich in der Hoffnung, dem Dieb entgangen zu sein.
Eyra wandte sich wieder ab … und lief direkt in ein Schneegestöber. Eisige Kälte drängte unter ihren Mantel, kroch in ihre Glieder und legte sich über ihr hitziges Gemüt. Dennoch wich sie nicht zurück, sondern ging weiter.
Vorsichtig tastete sie sich an einer Hauswand entlang. Das dicht fallende Weiß machte es ihr schwer, sich zu orientieren, doch mit ein bisschen Glück würde die Weiße Garde sie in ihrem eigenen Schneetreiben nicht entdecken. Allzu weit kam sie allerdings nicht, denn der kalte Sturm zog sich tiefer in die Gasse zurück und ein sechsköpfiger Trupp aus Winterelfen versperrte ihr den Weg. Dicke Flocken tanzten um ihre fellbesetzten Lederrüstungen und trotz ihrer unbeteiligten Mienen wohnte ihren Augen eine Aufmerksamkeit inne, die niemand auf sich ziehen wollte.
„Hiergeblieben!“, rief der Wächter, der den silbernen Schulterklappen nach der Hauptmann war.
Eyra schnaubte leise.
Puderschnee stob um seine Stiefel, als der Winterelf zu ihr aufschloss. Er zog sein Schwert, richtete es auf sie und hob ihre Kapuze mit der Spitze an. Wachsam musterte er ihr rotes Haar und ihr von Sommersprossen übersätes Gesicht. „Ein Feuermädchen.“
Flüssige Lava pulsierte durch ihre Adern, schoss in ihre Fingerspitzen und belebte jede Faser ihres Körpers. Obgleich Eyra wusste, in welchen Schlamassel sie sich hineinmanövriert hatte, kam sie nicht umhin, dieses Gefühl auszukosten. Würde sie erwischt, endete sie bei der Länge ihres Vorstrafenregisters endgültig am Galgen. Und doch bereitete es ihr Genugtuung, der Wirkung des Schnees standhalten zu können. „Ich muss nach Hause zu meinem Bruder. Er ist krank.“ Eyra verneigte sich demütig, während alles in ihr danach dürstete, ihm die pelzbesetzte Mütze zu versengen.
„Wetten, die hier war es?“ Ein anderer Wächter maß sie mit undurchdringlichem Blick.
„Bestimmt hat sie das Geld genommen“, schrie ein Mann aus der Menge und einige der Umstehenden fielen mit ein. Gern hätte sie ihm eine saftige Antwort gegeben, doch sie hatte das Recht verwirkt, ihm seine Vorurteile vorzuhalten, denn sie stimmten in diesem Fall nun einmal.
„Ruhe.“ Die Stimme des Hauptmanns war betont beherrscht. Er schwang seine Hände im Halbkreis und seine weiße Magie verwandelte sich in dicke Flocken, die langsam vom Himmel rieselten. Sie ließen sich auf den Dächern nieder, die unter dem Druck der Schneemassen bereits ächzten, und landeten auf der Kleidung der Stadtbewohner, wie um die letzten Farbtupfer aus der Welt zu tilgen. Dort machte die Kälte aber nicht halt. Sie drang bis in die Seelen der Leute und begrub jede noch so kleine Empfindung unter einer meterdicken Eisschicht. Magie war Farbe und Farbe war Gefühl, doch der Schnee ließ alles weiß und nüchtern werden.
Eine teilnahmslose Leere trat auf die Gesichter der Menschen, Eyras Feuer dagegen brannte weiter, genährt von ihrer Wut, die sich immer dann am meisten aufbäumte, wenn man sie ihr nehmen wollte. Anstatt diese nach außen zu kehren und sich in umso größere Schwierigkeiten zu bringen, verwandelte sie ihre innere Hitze in Magie. Diese machte sie sich zunutze, um den Zauber auf ihrem Mantel zu aktivieren. Sogleich schloss sich das Loch, durch das sie die Münzen geschoben hatte. Jahre zuvor hatte Eyra viel Geld bei einem Straßenmagier liegen lassen, der ihren Mantel mit einem Zauber versehen hatte. Dieser verbarg nicht nur die Öffnung, er ließ auch alle Gegenstände im Innenfutter schrumpfen, bis sie sie wieder hervorholte. Diese Investition hatte sich längst gerechnet. „Ich habe nichts gestohlen.“
Die weißen Wächter traten näher, die Hände auf die Griffe ihrer Schwerter gelegt.
„Gib mir deinen Mantel.“
Eyra kam der Forderung des Hauptmanns nach. Eisige Kälte umfing sie und sie biss die klappernden Zähne zusammen.
Während er die Taschen kontrollierte, klopfte ein anderer sie ab. Zwar klimperte es leise, aber von dem hellen Klang der verkleinerten Münzen schloss der Hauptmann offenkundig nicht auf das Diebesgut. „Ich habe nichts gefunden“, sagte der andere Wächter zu seinem Vorsteher, der ihr den Mantel wieder aushändigte.
„Du kannst gehen.“
Eyra wusste, es wäre klüger, nicht zu grinsen, dieses kleine Eingeständnis an ihren Drang nach Ungehorsam konnte sie sich trotzdem nicht verkneifen. „Einen schönen Tag noch.“ Sie streifte ihren Wollmantel über und eilte davon, hinein in die dichte Schneewand, die sie sogleich verschluckte. Ein eiskalter Wind blies ihr um die Ohren und Eyra rannte, um sich warm zu halten.
Ihr Trotz begehrte gegen die Wirkung des Schnees auf, gegen diese Gleichgültigkeit, die ihr jede Empfindung entreißen wollte. Sie beschleunigte ihr Tempo und dachte an ihre Beute. Die Gewissheit, für ein paar Tage über die Runden zu kommen, nahm ihr für den Moment alle Sorgen und ließ diese innere Leere unter der Wärme ihrer Zufriedenheit dahinschmelzen.
Eyra lehnte sich an eine Steinmauer und ein Lachen brach aus ihr hervor. Ihr Brustkorb hob und senkte sich schnell, während sich ein paar Funken von ihren Fingerspitzen lösten und zischend in das Eis zu ihren Füßen gruben. Die Schneeflocken um sie herum verdampften in der Hitze, die sie ausstrahlte. Aber nicht nur ihre rote Magie brannte in ihr. Befreit von aller Last, durchfuhr sie ein Hauch von Freiheit, und wie ein Windstoß trug dieses Gefühl alle Zwänge und Pflichten davon. Eine Aura aus himmelblauen Schlieren hüllte sie ein und ließ ihre Seele zu der Vorstellung fliegen, einen unbeschwerten Abend mit Naran zu verleben. Ihre Vorfreude auf ihren Bruder wuchs und tauchte sie zudem in grünes Licht. Nur ein sorgloser Abend und danach … ja, was käme danach? Vielleicht ein paar weitere unbekümmerte Tage, doch das Geld würde nicht ewig reichen. Dieser Gedanke genügte, um ihren blauen und grünen Kräften den Garaus zu machen.
Eyra fuhr sich über das Gesicht und stieß sich von der Mauer ab, da knirschten schwere Schritte im Schnee.
„Hier seid Ihr.“ Die Männerstimme kam ihr entfernt bekannt vor.
Das Schneegestöber zog sich zurück und gab die Sicht auf den zuvor lächelnden Winterelfen frei, der nun wieder nüchtern dreinschaute.
„Was macht Ihr hier?“ Sie verschloss ihre Magie fest in sich und hoffte, dass er sie nicht gesehen hatte. Ein Feuermädchen, das nicht nur über rote, sondern auch über blaue und grüne Magie verfügte, warf Fragen auf. Fragen, die sie nicht beantworten konnte.
Seine Mundwinkel neigten sich nach oben und verrieten Belustigung.
Normalerweise konnte Eyra dem Aussehen von Winterelfen nichts abgewinnen. Sie mochten schön sein, für Eyra zählte jedoch das Leben, das in einem Gesicht steckte, viel mehr als ebenmäßige Züge und eine makellose Haut. Sie bevorzugte Falten, die eine Geschichte erzählten, Augen, die beim Erzählen leuchteten, und eine bewegte Miene, die jedes gesagte Wort unterstrich. Nichts dergleichen beobachtete man für gewöhnlich bei Winterelfen. Sie musste aber neidlos anerkennen, dass selbst ein winziges Lächeln bei diesem Eisklotz einen atemberaubenden Anblick bot.
„Ich habe gesehen, wie Ihr das Geld genommen habt.“
Eyras Hochgefühl fiel vollends in sich zusammen. „Ich habe keine Ahnung, wovon Ihr redet.“
Der Kerl war zwar der Kleinere der beiden Winterelfen, die ihrer Vorführung beigewohnt hatten, jetzt, wo er sich mit seiner vollen Größe vor ihr aufbaute, wirkte er dennoch recht imposant. Das Ausmaß seiner Magie wusste sie nicht einzuschätzen, körperlich wäre er ihr aber um Längen überlegen.
„Oh, das wisst Ihr ganz genau.“
Wenn er sich so sicher war, warum hatte er sie dann nicht bei der Weißen Garde verraten? Hatte er vor, ihr das Geld abzunehmen? Bei seinem piekfeinen Äußeren konnte sie sich das kaum vorstellen. „Was wollt Ihr von mir?“
„Ich würde gern Euren Namen erfahren.“
„Weshalb?“
„Ich möchte Euch Eure Beute nicht streitig machen, sollte das Eure Sorge sein. Mich interessiert lediglich der Name der Drachenreiterin, die mit so viel Magie gesegnet ist.“
Drachenreiterin. So wurden ihre Vorfahren genannt. Heute war sie ein Feuermädchen, ein Feuerteufel, eine Brandstifterin, roter Abschaum oder wohlwollend eine Feuermagierin. Offensichtlich wollte er sich bei ihr einschmeicheln, auch wenn sie nicht verstand, warum. „Wie kommt Ihr darauf, ich sei mit viel Magie gesegnet?“
„Eure Vorstellung war bemerkenswert. Außerdem habt Ihr Euch gegen die Wirkung des Schnees behauptet. Ich hörte Euch lachen und Ihr wart sogar in der Lage, inmitten des Schneefalls ein paar Funken zu Euch zu rufen.“
Wie es aussah, war Leugnen zwecklos. Zumindest schien er nichts von ihrer andersfarbigen Magie mitbekommen zu haben, andernfalls hätte er sie sicher darauf angesprochen.
„Und was stellt Ihr dann mit meinem Namen an?“ Bei ihrem Glück würde er doch zur Weißen Garde rennen und sie anschwärzen.
„Vielleicht möchte ich Euch ja zu einem Ball einladen?“ Dieser leichte Singsang in seinen Worten irritierte sie genauso wie deren Inhalt.
Eyra runzelte die Stirn. „Ein Winterelf, der Scherze macht. Hat man so etwas schon gesehen?“ Dieser Elf war anders. So viel hatte sie begriffen. Sie würde sich von ihm aber nicht einwickeln lassen. Seinesgleichen hatte den Winter über den Süden gebracht, der einst den Feuerwesen gehört hatte. Keinem von ihnen war zu trauen.
„Was, wenn ich nicht scherze?“ Er schaute sie nun wieder auf diese vollkommen undurchschaubare Winterelfen-Weise an.
„Ich war noch nie auf einem Ball und habe auch nicht vor, das zu ändern.“
„Jede Frau sollte einmal in ihrem Leben eine solche Festivität besuchen.“ Festivität. Soso. Ja, dieser Kerl kam eindeutig aus gehobenen Kreisen.
Eyra sah an sich hinab, über den ausgefransten Saum ihres Wollrocks hinweg zu ihren zerschrammten Stiefeln. „Wenn Ihr Eure ‚Festivität‘ mit einer kleinen Sehenswürdigkeit bereichern wollt, dann sucht Euch ein anderes mittelloses Mädchen.“
„Diese steifen Veranstaltungen bedürften in der Tat ein bisschen Auflockerung.“
War er womöglich überhaupt erst in die Sentergasse gekommen, um jemanden für dieses Vorhaben auszuwählen? „Wie ich sagte, sucht Euch eine andere. Ich muss los.“ Naran war schon seit Stunden zu Hause. Nicht dass er sehnsuchtsvoll auf sie wartete, sie wollte aber bei ihm sein.
Eyra wandte sich zum Gehen, lief nach zwei Metern jedoch gegen eine grün schimmernde Wand, die trotz ihrer ätherischen Erscheinung undurchdringbar war. Damit hätte sich zumindest die Frage geklärt, wer von ihnen beiden über mehr Magie verfügte. Sie konnte Hitze erzeugen, er Kälte. Diese Art von Magie lag ihnen im Blut und war mit wenig Anstrengung verbunden. Für jeden Zauber, der darüber hinausging, musste man über enorme Kräfte verfügen. Und für einen solch komplexen wie diesen hier brauchte es obendrein viel Übung und einen guten Lehrmeister.
Der Kerl trat hinter sie, so dicht, dass seine grüne Magie sie einhüllte. Winterelfen konnten mit Farben zaubern, das wusste sie, dennoch war sie erstaunt. In der Öffentlichkeit waren sie für gewöhnlich darauf bedacht, einzig weiße Magie zu zeigen. Kaum zu Ende gedacht, versank dieser Gedanke in einem Nebel aus Wohlempfinden. „Ihr habt mir noch immer nicht Euren Namen gesagt“, raunte er nahe ihrem Ohr. Ein Schauer rieselte ihr Rückgrat hinab, fröstelnd und doch auf sonderbare Weise angenehm.
„Eyra“, flüsterte sie.
„Wie weiter?“, fragte er beschwörend.
Ihre eigene grüne Magie streckte sich nach ihm aus. Ehe sie aus ihr herausströmte, rief Eyra sich aber zur Besinnung. Ihr Kopf wurde zunehmend klar und ihre Entrüstung brach ungehemmt über sie herein. Grün stand für Vertrautheit, für Nähe, für ein Gefühl, das der Familie und besten Freunden vorbehalten war. Sie auf diese Weise zu manipulieren, war unerhört!
Dunkelrote Wut kämpfte den Rest dieser trügerischen Verbundenheit nieder. Ruckartig drehte sie sich zu dem Elfen um und stellte überrascht fest, dass er nicht so nah hinter ihr stand, wie sie angenommen hatte. Trotzdem wich sie so weit zurück, wie es die Wand in ihrem Rücken zuließ. „Das werde ich Euch nicht verraten.“
Sein rechter Mundwinkel hob sich erneut. „Ich lag also richtig. Da Ihr Euch sogar gegen mich behaupten könnt, müsst Ihr über außerordentlich viel Magie verfügen.“
„Ihr seid ziemlich von Euch eingenommen, wenn Ihr jedem, der sich Eurer Magie zu entziehen vermag, viel Kraft zusagt.“
„Das hat nichts mit einem übersteigerten Selbstbewusstsein zu tun, sondern mit Erfahrungswerten.“
Wie selbstverliebt konnte man sein? „Ich werde jetzt gehen.“
„Sobald ich Euren Nachnamen herausbekomme, schicke ich Euch eine Einladung.“
„Macht das nur.“ Selbst wenn es ihm gelingen sollte – wovon sie nicht ausging, denn sein Optimismus war sicherlich ebenfalls auf seine Selbstüberschätzung zurückzuführen –, eine Einladung konnte man ablehnen.
Der Widerstand in ihrem Rücken verpuffte und sie stolperte rückwärts. Der Elf schnellte gerade rechtzeitig vor und hielt sie an den Schultern fest, bevor sie unsanft auf ihrem Hintern landete. Eyra wollte ihn abwehren, doch er ließ sie bereits los.
Eilig trat sie von ihm weg.
„Ich hoffe, das Geld bringt Euch eine Weile über die Runden.“ Er wies auf ihre Manteltasche, in der sie das Säckchen Münzen hatte verschwinden lassen.
„Es muss nicht nur für mich reichen“, antwortete sie leichthin, was vermutlich einem Nachhall dieser ergaunerten Vertrautheit zuzuschreiben war. Leise grummelte sie über sich selbst.
„Ihr müsst jemanden versorgen?“
„Das geht Euch nichts an.“ Bevor sie versehentlich weitere Informationen preisgab, machte sie kehrt und eilte davon.
Ihre Schritte waren die einzigen, die im Schnee knarzten. Bis sie die Häuserecke erreicht hatte, stach sein Blick aber in ihren Rücken.
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Eisfunken
Band 1 der Eisfeuer-Saga · alle fünf Bände erschienen
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