Leseprobe: Der Hof der silbernen Nacht

Leseprobe

Der Hof der silbernen Nacht

Band 1 der Schattenlicht-Dilogie · beide Bände erschienen

Prolog und Kapitel 1

Prolog

Ich war es gewohnt, andere Gesichter zu tragen und in fremde Rollen zu schlüpfen, doch diese hier verlangte mir besonders viel Fingerspitzengefühl ab. Die vier Sonnenelfen vor mir waren bewaffnet, als würden sie in einen Krieg ziehen. Äxte hingen in ihren Halftern, Kurzschwerter ruhten an ihren Hüften und mehrere Messer waren in Scheiden an ihre Oberarme oder Beine geschnallt. Ihre Kleidung hingegen sah aus, als hätten sie die Schlacht bereits hinter sich. Mit zerschlissenen Tuniken und teils zerfetzten Hosenbeinen bauten sie sich in der viel zu kleinen Kammer des Gasthofes auf und nahmen jeden dunklen Winkel ins Visier. Ihre Blicke überboten sich an Schärfe, schrien förmlich, dass ihnen nichts entging. Dabei stand der größte Betrug direkt vor ihrer Nase und sie hatten nicht den Hauch einer Ahnung. Ebenso wenig wie die drei gelehrten Gnome in ihren braunen Gewändern, die sich um mich scharten. Auch sie ahnten nicht, dass ich nicht ihr Gildenmeister war, sondern Niva Liorell, eine Lichtwandlerin und die Person, die ihnen diesen Tag gründlich vermiesen würde.

Gut. Jetzt hieß es, das Gespräch kurz zu halten, das Zielobjekt in Empfang zu nehmen und von hier zu verschwinden, bevor mein Schwindel aufflog.

Ich schielte ein letztes Mal zu meinem Spiegelbild im Fenster und prüfte die Illusion, die mich umgab. Das perfekte Ebenbild von Magnus Andaris blitzte mir entgegen – das gedrungene Gesicht, die Knollennase, der dichte Bart und die weit auseinanderstehenden Augen, die trotz seiner geringen Körpergröße stets auf alle Umstehenden hinabzublicken schienen.

Gemächlich wandte ich mich wieder den Sonnenelfen vom Lichthof zu. „Ihr seht mitgenommen aus. Gab es Probleme?“, fragte ich mit der fremden Stimme des Gildenführers. Wochenlang hatte ich ihn studiert, seinen nasalen Singsang verinnerlicht, jedes Räuspern, jeden Tonfall. Und die doppelte Menge Xyrathkernpulver tat ihr Übriges, damit ich so tief und kratzig klang wie er.

Zwei der Sonnenelfen sahen einander betreten an, einer musterte übertrieben interessiert die Holzdecke. Es fehlte nur noch, dass sie mit der Fußspitze über den Boden scharrten und unauffällig vor sich hin pfiffen.

In der Gegenwart von Frauen besangen Männer ihre Siege wie Barden ihre schillerndsten Geschichten, wohingegen sie ihre Misserfolge lieber unter den Tisch kehrten. Daran war ich gewöhnt. Wenn sie sich aber selbst vor einem Gnom in Schweigen hüllten, musste die Niederlage verheerend gewesen sein.

Ich zeigte Magnus’ schmallippiges Lächeln und trat einen Schritt näher. „Was ist Euch widerfahren?“, erkundigte ich mich mit heuchlerischer Besorgnis, da Magnus alles stets ganz genau verstehen wollte … und vielleicht auch, weil sich diese Sonnenelfen so schön wanden.

Lorenz von Eronthal, der oberste Kommandant des Königs von Veloria, räusperte sich. Ich hatte vorab kleine Porträtskizzen von allen Anwesenden erhalten und dankte es Borwin im Stillen. Seine Vorbereitungen auf diesen Einsatz hatten sich als erstaunlich hilfreich erwiesen.

Eronthal richtete sich mit dem Selbstbewusstsein eines Mannes auf, der genug Rückgrat besaß, um einen Fehler zuzugeben. „Bloß ein kleiner Überfall an der Grenze von Nasca.“

„Hat jemand versucht, Euch das Objekt abzunehmen?“, hakte ich weiter nach.

„Nein.“ Er rieb sich den Nacken. „Es waren Nachtwölfe.“

Mein Gesicht blieb unbewegt, während ich mich zwang, die Erinnerung an meine eigene Begegnung mit Nachtwölfen niederzuringen. Ihr Heulen, die gleißenden Augen in der Dunkelheit, das Knurren dicht an meiner Haut, der Schmerz, als ihre Krallen sich in mein Fleisch schlugen. Für die Dauer eines Wimpernschlags war ich wieder sechs Jahre alt und auf der Flucht, mit einem flüchtigen Blinzeln kehrte ich aber zurück ins Hier und Jetzt.

„Wie unerfreulich.“ Ich wischte diese Geschichte mit einer fahrigen Geste beiseite. „Kommen wir zum Anlass unseres Treffens.“ Verheißungsvoll klopfte ich gegen den Beutel an meinem Gürtel und ein helles, gläsernes Klimpern antwortete mir. „Die Edelsteine sind abgezählt. Fünfhundert Stück, alle im gleichen Schliff und wie vereinbart von einem meiner Gildenmeister geprüft. Wünscht Ihr einen Beweis für ihre Echtheit?“

Ich hoffte auf ein Nein, da der Inhalt des Beutels zum Großteil aus wertlosen Glassteinen bestand. Nur eine Handvoll echter Diamanten lag obenauf, und einen davon müsste ich erwischen, sollte die Antwort anders ausfallen. Wenn mir das nicht gelänge, wäre der Auftrag gescheitert und mir bliebe nichts als die Flucht.

„Ja, bitte.“

Widerstrebend löste ich das Säckchen von meinem Gürtel, zog die Schnüre auf und griff hinein. Ich ermahnte mich, ruhig weiterzuatmen, während ich Stein für Stein abtastete, bis ich einen der schwereren erwischte. Mit Magnus’ geschäftiger Zielstrebigkeit trat ich ans Fenster, kratzte mit dem Diamanten mühelos eine feine Linie in die Scheibe und sah zu Eronthal hinüber.

„In Ordnung.“ Er nickte mir zu.

Ich schloss den Beutel und kehrte zu ihm zurück.

Eronthal ließ seine lederne Umhängetasche von der Schulter gleiten und holte mit vorsichtigen Bewegungen ein Holzkästchen hervor, etwa so lang wie sein Unterarm. Er öffnete den Verschluss und klappte es auf.

Die kleinwüchsigen Gelehrten, die mich umringten, rückten näher und streckten ihre Knubbelnasen vor, um das Objekt in Augenschein zu nehmen.

Meine eigene Neugier verbarg ich hinter einem prüfenden Blick, während ich die auf blauem Samt gebettete Sanduhr betrachtete. Wie in den Unterlagen, die Borwin mir zur Vorbereitung ausgehändigt hatte, beschrieben, bestand das Gestell aus gebürstetem Silber. Feine Gravuren zogen sich über die schmalen Streben bis hinauf zum Kopf, wo sie das Sternbild des Vergessenen Wanderers zeigten, das für verlorene Zeit und verborgene Wege stand. Da Eronthal das Stundenglas schräg hielt, rieselte der metallisch glänzende Sand durch die Enge von einem bauchigen Glas ins nächste. Was vermochte diese Uhr, um einen derart stolzen Preis zu rechtfertigen? Mit ihrem Gegenwert ließe sich ein ganzer Hofstaat über Jahre hinweg finanzieren.

Ich schob meine Fragen beiseite und wackelte voller Vorfreude mit den Fingern, wie Magnus es immer tat, kurz bevor er eines seiner Geschäfte zum Abschluss brachte. „Wunderbar.“

Ohne Umschweife griff ich danach, doch der Sonnenelf schmiss den Deckel zu und zog das Kästchen zurück. „Nicht so schnell.“

„Gibt es ein Problem?“ Den scharfen Unterton musste ich nicht einmal spielen. Ich hatte keine Zeit für Verzögerungen. Der echte Magnus Andaris saß unten in der Gaststätte und wartete auf seine Begleiter, die ihre Geschäftspartner vor dem Eingang hatten empfangen sollen. Ich hatte veranlasst, dass ihm ein üppiges Abendessen auf Kosten des Hauses gebracht worden war – ein Ablenkungsmanöver, während ich an seiner statt mit seiner Entourage die Sonnenelfen begrüßt und sie ums Haus herum in das Hinterzimmer geführt hatte. Die zwei zusätzlichen Hähnchenschlegel, die die Schankmagd auf den Teller des Gildenmeisters gepackt hatte, würden ihn mit etwas Glück eine Weile beschäftigen. Essen rangierte bei ihm dicht hinter guten Büchern, wenn auch nur knapp. Bei seinem ausgeprägten Pflichtbewusstsein war es dennoch gut möglich, dass er zwischendurch nach dem Rechten sehen würde. Seine Gilde war in Mirilor die erste Adresse für den Handel mit Wissen und wertvollen Gegenständen, und er nahm seine Aufgabe äußerst ernst.

„Natürlich gibt es ein Problem. Wir haben einen Mittelsmann für die Übergabe akzeptiert. Mein König hat es jedoch zur Bedingung gemacht, zu erfahren, wer Euer Abnehmer ist und was er mit der Sanduhr vorhat.“

„Wir geben unsere Kunden niemals preis.“ Mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der stets bekam, was er wollte, streckte ich die Hand ein weiteres Mal aus.

„Dann kann ich Euch den Gegenstand nicht überlassen.“ Eronthal klappte seine Tasche wieder auf, um das Kästchen zu verstauen.

„Was verlangt Ihr?“ Alles und jeder war käuflich. Obwohl dieser Leitsatz nicht offiziell in den Statuten der Gilde stand, entsprach er dem Grundverständnis eines jeden Gnoms. Und wenn man den Gerüchten Glauben schenkte, war der Lichthof derzeit nicht sonderlich gut bei Kasse. Diese Zusammenkunft war der beste Beweis. Nicht ohne Grund verscherbelte der Sonnenkönig seine Besitztümer auf dem Schwarzmarkt.

Die Augen des Sonnenelfen blitzten auf und seine vollen Lippen verzogen sich zu einem attraktiven Lächeln. Unter anderen Umständen wäre ich diesem sicher erlegen. Sein Gesicht war schön: ebenmäßig mit hohen Wangenknochen und einem geraden Nasenrücken. Sein Haar glänzte selbst im schummrigen Licht der Kammer golden. Alles an ihm schrie danach, auf einer Leinwand festgehalten zu werden.

„Wie ich sagte: einen Namen.“ Seine unerbittlichen Worte waren wie ein eisiger Windstoß, der meinen flüchtigen Anflug von Schwärmerei davonfegte.

Mit Mühe unterdrückte ich ein Aufstöhnen. Dann hieß es jetzt, zu improvisieren, und das nicht nur, weil ich nicht wusste, an wen Magnus den Inhalt dieses Kästchens verschachern wollte. Ich konnte auch nicht einschätzen, ob er die Regeln seiner Gilde jemals brach. Das Risiko, mit einer unpassenden Verhaltensweise aufzufallen, musste ich an dieser Stelle aber wohl eingehen. „Unser Mandant gehört zur Königsfamilie von Oritea.“ Meine Kehle zog sich zusammen, als wollte sie mir den Satz im Nachhinein verbieten. Ich hatte vorab Lügenserum eingenommen, ganz erstickte der Trank meinen angeborenen Drang zur Aufrichtigkeit allerdings nicht. „Aufgrund seiner hohen Stellung möchte er unerkannt bleiben.“ Und aus demselben Grund würde er über die finanziellen Mittel für dieses Geschäft verfügen. Ich hätte genauso irgendeine wohlhabende Person aus dem Untergrund nennen können, diese dürften im Gegensatz zu den Königshäusern aber nicht allen Anwesenden bekannt sein, und Rückfragen kosteten Zeit.

„Dann muss er leider damit leben, dass die Sanduhr niemals in seinen Besitz übergehen wird.“

Ich stieß das resignierte Seufzen aus, das bei Magnus’ Verhandlungen nicht selten zum Einsatz kam, um einen Preis in die Höhe zu treiben. „Ihr kennt die Regeln der Gilde.“

Eronthal zuckte mit den Schultern. „Und Ihr wollt die Sanduhr.“

Wie es aussah, musste ich mich weiter aus dem Fenster lehnen. „Rose von Reichswarn“, nannte ich einen beliebigen Namen aus besagter Königsfamilie. Bevor sie meine Aussage validiert hätten, wäre ich über alle Berge.

Die Gnome rückten näher zusammen und tuschelten aufgeregt. Entweder sie kannten den wahren Empfänger oder sie wunderten sich wirklich, weshalb ihr Gildenführer eine derart sensible Information teilte.

Mit verengten Augen musterte Eronthal die Gnome. „Was will die Schwester der Königin mit dem Artefakt?“, ging er letztlich über die Unruhe hinweg.

Ein Artefakt … also besaß diese Sanduhr alte Magie.

Ich zügelte meine Neugier und besann mich auf meine Aufgabe. „Unsere Gilde fragt niemals nach dem Warum“, wiegelte ich ab, weil es so ebenfalls in den Statuten stand und ich keine Zeit hatte, mir eine plausible Geschichte auszudenken. „Können wir dann jetzt zur Übergabe schreiten?“ Ich warf Eronthal den Beutel hin.

Wie aus Affekt fing er ihn auf, hielt ihn mir aber gleich wieder hin.

Ich machte keine Anstalten, ihn zurückzunehmen.

„Ohne die Intentionen von Rose von Reichswarn zu kennen, sind mir die Hände gebunden“, erklärte Eronthal nüchtern. „Ein solch mächtiger Gegenstand im Besitz eines anderen Königshauses könnte schwerwiegende Folgen haben, auch für unser Land. Demnach bin ich angehalten, unser Angebot zurückzuziehen, solltet Ihr diese Information nicht preisgeben.“

„Ich wundere mich über die Umsicht Eures Königs.“ Meines Wissens war er nicht gerade für bedachtes Verhalten bekannt.

„Und ich wundere mich über diese ganze Diskussion. Ihr kanntet diese zwei Bedingungen und habt versichert, sie vorher mit Eurem Auftraggeber zu klären.“

Ich unterdrückte ein Fluchen. Nein, ich hatte sie nicht gekannt. Und ich hatte keine Ahnung, ob Magnus’ Kunde zugestimmt hatte, seine Identität und Ambitionen offenzulegen. Oder hatte der Gildenführer sich findige Argumente zurechtgelegt, um ohne dieses Wissen an das Artefakt zu kommen? Mehr als einmal hatte ich erlebt, wie Magnus Andaris anderen eine Idee in den Kopf gesetzt hatte und sie am Ende dem Irrglauben erlegen waren, es sei ihre eigene gewesen. Doch um selbst die richtigen Worte zu finden, fehlte mir schlicht das Hintergrundwissen über diesen Handel. Ich durfte das hier aber auf keinen Fall vermasseln.

„Ihr kommt für dieses Treffen von weit her. Wollt Ihr wirklich mit leeren Händen nach Hause gehen?“, führte ich an. Im Vorfeld hatte ich herausgefunden, dass Magnus in zwei Wochen ohnehin in Veloria war, dennoch hatte der Kommandant die beschwerliche Reise auf sich genommen, damit die Übergabe schnell über die Bühne ging.

Eronthal ließ sich zu keiner Antwort herab.

Mit wachsender Panik beobachtete ich, wie er den Gegenstand wortlos einpackte.

Vielleicht sollte ich hier abbrechen und es später als Schankmagd mit einem Lächeln und tiefem Ausschnitt anstatt mit Lügen versuchen? Eronthal und die Gnome übernachteten hier im Gasthaus und im Trubel der Schenke wäre es ein Leichtes, sie zu bestehlen. Allerdings würden Eronthal und der wahre Magnus Andaris nach diesem Treffen unweigerlich aufeinandertreffen und sobald herauskäme, dass ein Doppelgänger sie an der Nase herumgeführt hatte, wäre der Kommandant deutlich wachsamer. Nein, diese Option schied aus. „In Ordnung, ich nenne Euch den Grund“, lenkte ich ein.

Dem entsetzten Keuchen der Gnome entnahm ich, dass ich zu viel gewagt hatte. Magnus Andaris hätte diese Linie nicht überschritten.

„Ich denke, Ihr könnt Euch weitere Märchen sparen, Magnus“, sagte eine dunkle Stimme zu meiner Rechten.

Ich zuckte zusammen, als sich der Schatten, den der mannshohe Schrank in der Ecke warf, bewegte, sich zu einem tiefschwarzen Schemen verdichtete und Gestalt annahm.

Augenblicklich zogen die Sonnenelfen ihre Schwerter und gingen in Angriffsposition.

Meine Nackenmuskeln verhärteten sich, und das nicht nur, weil ich Dunkelelfen bis aufs Blut hasste. Ich hatte Wochen mit der Vorbereitung auf diesen Einsatz verbracht, hatte versucht, jeden Parameter zu ermitteln … und sobald sich eine neue Variable in die Gleichung schlich, stimmte die gesamte verdammte Rechnung nicht mehr. Am liebsten hätte ich meinen Frust hinausgeschrien. Wer bei den hohen Mächten war dieser Kerl? Und hatte er sich die ganze Zeit in dem Winkel, den das Kerzenlicht nicht erreichte, versteckt? Oder war er ein Schattengänger, der durch die Dunkelheit in diese finstere Ecke geglitten war?

„Die Herren.“ Unbeeindruckt neigte der hochgewachsene Dunkelelf den Kopf und trat ins Licht. Er trug einen schwarzen Mantel, doch selbst der konnte seine schlanke, durchtrainierte Statur nicht verbergen. Er war muskulös, ohne zu massig zu wirken, und hatte den Körper eines Kriegers, der auf Geschwindigkeit und Präzision setzte, anstatt auf rohe Kraft. Seine Gesichtszüge wirkten fast übernatürlich schön, als hätte ein Bildhauer sie bis zur Vollendung ausgearbeitet – markante Wangenknochen, ebenmäßige Linien, Wimpern, die bei einem Mann verboten gehörten. Seine Haut schimmerte blass, im Zwielicht beinahe silbrig, ein Kontrast zu den pechschwarzen Locken, die ihm bis knapp über die spitzen Ohren reichten.

Seine dunkle Präsenz nahm den ganzen Raum in Beschlag und erzählte von einem Mann, der es gewohnt war, im Mittelpunkt zu stehen. Ohne Zweifel bekleidete er eine ranghohe Stellung. Nur an welchem Hof? Dem Nachthof in Nasca oder dem Silberhof in Emberfall? Oder diente er einer anderen Königsfamilie? Viele verpflichteten Schattengänger als Spione … aus offensichtlichen Gründen. Vielleicht lag ich aber auch völlig falsch und hatte es mit einem hohen Tier aus dem Untergrund zu tun.

Eronthal richtete sein Schwert auf ihn, um den Abstand zwischen sich und dem Neuankömmling zu wahren. „Ich wusste, dass Ihr das wart!“

Panisch sah ich von Eronthal zu dem Dunkelelfen und zurück. Hätte ich in Magnus’ Rolle mit dem Auftauchen des Fremden rechnen müssen? Und wie standen sie zueinander? Derlei Unsicherheiten waren der Windstoß, der mein ganzes Kartenhaus zu Fall bringen konnte.

„Was habe ich deiner Meinung nach denn diesmal wieder angestellt, lieber Lorenz?“, ignorierte der Dunkelelf Eronthals förmliche Anrede, genau wie das Schwert, das der Sonnenelf auf ihn richtete.

„Dass Ihr der geheime Käufer seid, der Magnus Andaris angeheuert hat. Die Nachtwölfe stanken zehn Meter gegen den Wind nach Euch.“

Um ein Haar wäre mir ein Fluchen entwischt. Vor mir stand Magnus’ Auftraggeber? Das durfte doch nicht wahr sein! Am Ende dieser Übergabe sollte ich den Gasthof mit dem Zielobjekt verlassen. Nicht irgendein dahergelaufener Dunkelelf.

„Ja, ich hatte gehofft, meine Wölfe könnten diese Sache beschleunigen und dem armen Magnus dieses Treffen ersparen. Schade. Da hab ich euch doch glatt meine Überraschung verdorben“, sagte er süffisant. „Außerdem war deine einfältige Forderung, den Käufer offenzulegen, recht offensichtlich. Dachtest du wirklich, Magnus gäbe bereitwillig Gildengeheimnisse preis?“ Er schnalzte mit der Zunge.

Eronthal straffte den Rücken. „Ich hatte meine Anweisungen. Wir sollten sicherstellen, dass nicht Ihr hinter alledem steckt.“

„Also gebührt mein Spott deinem König? In dem Fall werde ich ihn mir für unsere nächste Begegnung aufsparen.“

„Es wird keine Begegnung mehr geben.“

„Was für ein Jammer.“ Der Dunkelelf winkte ab. „Aber zurück zum Thema. Ich habe den lieben Magnus nicht umsonst von deiner Fragerei erlöst.“ Der Dunkelelf wandte sich an mich. „Wobei ich fast bedauere, nicht länger gewartet zu haben. Mich würde seine Theorie, was Rose von Reichswarn mit Miraveel vorhaben könnte, brennend interessieren.“ Dem Funkeln in seinen silbernen Augen nach machte er sich über mich lustig oder besser gesagt über Magnus. Sein amüsierter Blick und der vertraute Tonfall ließen auf eine gewisse Nähe schließen und machten die Situation doppelt brisant. Fehlte nur noch, dass der echte Magnus Andaris sein Mahl beendete oder allmählich nach dem Rechten sah.

Kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gedacht, klopfte es an der Tür. Natürlich.

Bevor jemand anderes sich in Bewegung setzte, eilte ich zum Ausgang. Der Gildenführer hätte diese Aufgabe einem seiner Untergebenen überlassen, darauf kam es nun aber auch nicht mehr an. Und wenn da draußen tatsächlich Magnus wartete, könnte ich so zumindest schnell reagieren und davonrennen.

Mit angehaltenem Atem drückte ich die Klinke hinab, zog die Tür auf und stieß die Luft gleich wieder aus. Vor mir stand nicht der Gnom mit dem schlohweißen Haar, sondern eine blonde Magd mit einem Tablett. „Der Wirt hat mich beauftragt, eine Erfrischung zu bringen.“

Ich sammelte mich kurz, dann nickte ich ihr zu. „Vielen Dank.“ Während ich sie durchließ, sah ich zu Eronthal und dem Neuankömmling. „Entschuldigt mich. Die Natur ruft“, sagte ich, wohlwissend, dass Magnus niemals im Leben ein körperliches Bedürfnis über seine Pflichten gestellt hätte. Jede andere Begründung bot jedoch das Potenzial, mich umso tiefer hineinzureiten.

Mit einem schneidenden „Jetzt nicht“ wurde mein Fluchtversuch vereitelt.

Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, als der Dunkelelf auf mich zukam. Obwohl seine Schritte fest waren, bewegte er sich erstaunlich leise, als hätten selbst die Holzdielen unter ihm begriffen, dass es keine gute Idee wäre, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Aus wachen Augen musterte er mich einige endlose Sekunden mit undurchdringlicher Miene. Ich hatte das Gefühl, er könnte regelrecht durch die Schleier sehen, die ich um mich gewoben hatte – was völliger Unsinn war. Niemand durchschaute meine Illusionen.

Er machte der Magd mit ihrem leeren Tablett Platz und sie verließ hastig den Raum. Am liebsten wäre ich ihr gefolgt, um der Spannung zu entkommen, die wie schwerer Rauch in der Luft hing und einem den Atem raubte.

„Ruhig Blut, Magnus. Gib mir fünf Minuten. Mehr brauche ich nicht, um mir Miraveel zu holen. Mit oder ohne ihre Einwilligung“, raunte der Dunkelelf mir zu. Sein Tonfall und wie er langsam die Tür schloss, ließen keinen Zweifel, dass dies keine Bitte war.

Ohne meine Reaktion abzuwarten, richtete er sich wieder an die Sonnenelfen. „Die anwesenden Gelehrten werden unser Gespräch bezeugen.“

Seine Worte beruhigten mich. Herumstehen, nicken und zur Not eine Unterschrift unter ein Schriftstück setzen, bekam ich hin. Wenigstens wäre das mühsame Einüben von Magnus’ krakeliger Signatur dann nicht ganz umsonst gewesen. Wobei gerade wenig darauf hindeutete, dass diese Übergabe einvernehmlich verlaufen würde. Im Falle eines Gefechts könnte ich zumindest das Durcheinander nutzen, um abzutauchen.

Ich sammelte mich, nahm die steife Haltung des Gildenführers an und folgte dem Dunkelelfen zurück in die Mitte des Zimmers.

„Jetzt wäre wohl der richtige Moment, mir Miraveel zu überlassen“, sagte er gelassen, doch das Aufblitzen in seinen Augen verriet, dass er kaum mit einem Einlenken rechnete.

Eronthal lachte als Antwort nur trocken auf.

„Gut, wenn das so ist …“ Der Dunkelelf zog sein Schwert und ehe ich mich’s versah, klirrte seine Klinge gegen die von Eronthal. Nach ein paar blitzschnellen Hieben hatte er dem Sonnenelfen das Säckchen mit den vermeintlichen Edelsteinen aus der Hand geschlagen, sich gebückt und es aufgehoben. „Erstens sollten wir festhalten, dass ihr eine Bezahlung abgelehnt habt. Ich war sowieso nicht glücklich, für einen Gegenstand zu zahlen, der ohnehin mir gehört.“ Er ließ den Beutel in seiner Manteltasche verschwinden.

„Wenn Ihr Euch die Artefakte …“

„Zweitens“, unterbrach er Eronthal, „kannst du deinem König ausrichten, dass er aufhören soll, meinen Besitz zu verschachern, um seine marode Haushaltskasse aufzubessern.“ Das Wort König spuckte er ihm geradezu vor die Füße.

Eronthals Kiefer bebte vor unterdrücktem Zorn.

„Drittens.“ Der Dunkelelf presste die Lippen zu einem schmalen Strich. „Wenn er die Artefakte schon verscherbeln will, dann an mich. Mit Magnus ist alles besprochen. Ein Brief an die Gilde und wir verhandeln“, sagte er betont gleichmütig, sein Widerwille gegen dieses Zugeständnis schwang aber in jeder Silbe mit. Er schaute zu mir. „Korrekt?“

Ich beeilte mich, seine Aussage mit einem Nicken zu bestätigen.

„Und könntest du den Herren vom Lichthof außerdem versichern, dass dein Haus in Umlauf gebracht hat, welche Gefahren mit dem Handel der anderen beiden Artefakte einhergehen? Die Gilde rät offiziell von ihrem Kauf ab – mit dem liebevollen Hinweis, dass jeder potenzielle Käufer von Velantra oder Astravelle öffentlich gehäutet und auf dem Marktplatz verbrannt wird, sollte er sein Angebot nicht umgehend zurückziehen.“

Ich schluckte. Dasselbe würde wohl auch mir blühen, käme meine Täuschung ans Licht. Mein Herz hämmerte so heftig in meiner Brust, dass ich glaubte, jeder im Raum müsste es hören. „Exakt.“ Hätte ich das Zielobjekt nicht längst abgeschrieben, hätte ich das spätestens jetzt getan. Das Einzige, was noch zählte, war, irgendwie lebend hier rauszukommen.

„Wunderbar.“ Der Dunkelelf wandte sich wieder Eronthal zu. „Alles verstanden? Irgendwelche Fragen?“

„Ihr tut so, als wäre Miraveel bereits in Eurem Besitz. Ihr werdet die Sanduhr nicht bekommen.“

Eronthals Männer traten näher an ihren Kommandanten heran. Schulter an Schulter bildeten sie eine gemeinsame Front gegen ihren Widersacher.

„Nicht?“, erwiderte der Dunkelelf mit gespielter Überraschung.

Schwärze kroch in den Raum, langsam, als würde sich die Nacht selbst aus allen Ritzen schälen und über dieses Zimmer hereinbrechen.

Die Gnome zogen die Köpfe ein und schoben sich rückwärts zur Tür, die zum Schankraum führte, da die andere von Eronthal blockiert wurde.

Ich nutzte ebenfalls die Gelegenheit zum Rückzug. Magnus’ Auftrag schien erledigt – meiner dagegen war kläglich gescheitert. Das würde Ärger geben. Viel Ärger. Die Schuld lag zwar nicht bei mir, aber das interessierte erfahrungsgemäß niemanden. Und als wäre das nicht genug, steckten die Diamanten jetzt in der Tasche des Dunkelelfen.

Bis ich die Tür erreichte, war es vollkommen dunkel. Dann zerriss das Klirren von Klingen die Stille. Schreie hallten zwischen den Wänden, begleitet von hastigen Schritten und dem Krachen von zersplitterndem Holz. Ein dumpfer Aufprall ertönte. Der Erste lag also am Boden und ich würde darauf wetten, dass der Dunkelelf nach wie vor stand.

Ich ertastete die Klinke und wollte gerade die Tür öffnen, da fuhr sie von allein auf. Noch bevor das Licht des Flures mich nicht mehr blendete und der Neuankömmling Gestalt annahm, wusste ich bereits, wen ich vor mir hatte. Auch sein verdutzter Laut, als er mich – beziehungsweise sein Konterfei – erblickte, war keine sonderliche Überraschung.

Ohne zu zögern, stieß ich den echten Magnus Andaris zur Seite, bog nach links in den Flur ab und rannte durch den Schankraum.

„Ein Dieb! Haltet ihn auf!“, schrie der oberste Gildenführer.

Ich hatte leider rein gar nichts gestohlen, aber sein Ausruf zeigte Wirkung. Erschrockene Rufe und Stühlerücken wurden laut, als ich durch die Wirtschaft stürmte. Einige Gäste sprangen auf und folgten mir.

Mit dem Trampeln schwerer Schritte in meinem Rücken riss ich die Tür zur Straße auf. Feuchtkalte Abendluft schlug mir entgegen. Nach ein paar Metern erreichte ich mein Pferd, das ich für genau diese Situation lose angebunden hatte.

Hektisch löste ich den Strick von dem Stamm, schwang mich mit einem Ruck in den Sattel und trieb den Rappen mit den Fersen an. Ein Mann erwischte gerade so mein Bein, doch alles, was er mir entreißen konnte, war mein Stiefel.

In vollem Galopp tauchte ich in den Wald ein und die Schreie wurden leiser.

Die Bäume standen dicht und ihre Kronen verschmolzen zu einem undurchdringlichen Dach, das kaum Mondlicht hindurchließ und uns unter den Schutz der Dunkelheit stellte. Nur eine Person in diesem Gasthof wäre in der Lage, mich in dieser Finsternis zu finden. Und wenn dieser Dunkelelf sich nicht im Raum versteckt hatte, sondern tatsächlich durch die Schatten getreten war, könnte er überall auftauchen, denn Schattengänger nutzten jede Dunkelheit wie eine Tür. Sie traten in einen Schatten ein und aus einem anderen wieder hervor, ganz gleich, wo er lag.

Vorsichtshalber änderte ich mehrfach den Kurs, ritt abseits der Wege und lauschte auf jedes Geräusch. Außer dem Hufgetrappel meines Rappen regte sich jedoch nichts.

Nach einer Weile wich meine Anspannung, dafür lastete das Gewicht meines Versagens umso schwerer auf meinen Schultern. Die Vorbereitung auf diesen Auftrag hatte mich so unendlich viel Zeit gekostet. Jeder einzelne Tag war umsonst gewesen. Und nicht nur das. So große Aufträge waren selten. Ein Erfolg hätte mich meinem Ziel, meiner Schwester die Freiheit zu schenken, spürbar näher gebracht. Stattdessen erwarteten mich nun unzählige kleinere Missionen, die sich über Monate hinziehen würden, um denselben Fortschritt zu erzielen.

Kapitel 1

Sieben Jahre später.

Ich stürzte mich auf Gerriks Lippen, als könnten sie mich reinwaschen. Noch immer spürte ich die schmierigen Finger des Mannes auf mir, dem ich heute ein Schriftstück hatte entwenden müssen und der gemeint hatte, allein das Auftauchen einer attraktiven Frau sei eine Einladung für ein Stelldichein.

Gerriks Finger zeichneten langsam die Linie meines Kinns nach. Schnell verstärkte ich den Zauber, der auf meinem Gesicht lag, damit er die Erhebungen meiner Narben nicht fühlte. Zärtlich strich er über meine vermeintlich glatte Wange zu den empfindlichen Spitzen meiner Ohren. Für einen Menschen wusste er erstaunlich genau, wo er mich berühren musste.

Von meinem leisen Keuchen angespornt, drückte er mich mit dem Rücken an eine Metallstrebe der Zuschauerränge. Seine Hände fuhren nun über dieselben Stellen wie dieser Fiesling zuvor, glitten meine Taille hinab und erkundeten die Rundungen meines Hinterns. Ich stöhnte auf, als er mich an sich zog, sein Becken an mich presste und mich spüren ließ, wie sehr er mich wollte. Jede seiner Berührungen überlagerte die Erinnerung, jeder seiner Küsse wischte sie Stück für Stück davon und jedes kleine Stöhnen aus seiner Kehle verankerte mich mehr im Hier und Jetzt. Ein Teil von mir sehnte sich danach, die Augen zu schließen, den Kopf in den Nacken zu legen und mich fallen zu lassen … Doch ich sah ihn weiter an, hielt meinen Blick auf seinem von Sommersprossen übersäten Gesicht, auf seinen vollen Lippen, die tiefer wanderten und mein Dekolleté mit Küssen bedeckten. Und auf dem von harter Arbeit gestählten Körper, der vor mir auf die Knie ging. Damit rückten die Bilder vom Morgen vollends von mir ab und verblassten zu einer Belanglosigkeit.

„Was kann ich heute für dich tun, Niva Liorell?“ Gerrik ließ sich meinen Namen auf der Zunge zergehen.

„Lass mich alles vergessen“, hauchte ich.

„Stets zu Diensten“, antwortete er mit einem Selbstbewusstsein, das mir von der ersten Sekunde an gefallen hatte. Vor einer Woche hatte er bei unserem Zirkus angeheuert und übernahm die schwereren Aufgaben, die unser Direktor selbst uns nicht zumutete. Zwei Tage lang hatte Gerrik das Machtgefüge im Zirkus beobachtet, dann war er mit einem spitzbübischen Grinsen vor mich getreten und hatte mir mit einem Augenzwinkern versichert, dass er zupacke, wo’s nötig sei, und schweige, wo’s klüger wäre. Und mit demselben zielstrebigen Gesichtsausdruck schaute er nun zu mir auf, während er meine bauschigen Röcke anhob.

„Niva?“, schallte die Stimme des Zirkusdirektors von irgendwo draußen herein.

Wir stöhnten beide auf.

Gerrik zupfte meinen Saum zurecht und erhob sich. „Das Rot steht dir.“ Er zog an einer Haarspitze, die mir fast bis zur Taille reichte, und stahl sich einen letzten Kuss.

„Mir gefällt es auch. Vielleicht behalte ich die Farbe eine Weile.“

Er legte den Kopf schief und schenkte mir einen sanften Blick, bei dem sich mein Herz zusammenzog. Es war gut, dass der Sonnenzirkus bald weiterziehen und Emberfall hinter sich lassen würde. Aus vielerlei Gründen.

„Welche ist deine wirkliche Haarfarbe?“

„Blond.“ Diese Wahrheit konnte ich ihm schenken.

Dem Leuchten in seinen Augen nach malte er sich gerade eine goldene Mähne aus. Ich ließ ihm diese Vorstellung. Wozu sie zerstören, indem ich erklärte, dass sich mein Aschblond farblich kaum vom Fell eines Straßenköters unterschied?

„Hier bist du!“ Der Zirkusdirektor stieg auf die untersten Stufen des Podests und sah auf uns hinab. Da auch er ein gewöhnlicher Mensch war, sollte man meinen, er empfände einen natürlichen Respekt vor magischen Wesen. Borwin wäre aber nicht Borwin, würde er sich von irgendetwas einschüchtern lassen.

Ich neigte zur Begrüßung das Kinn. „Borwin.“

„Was macht ihr hier?“ Seine Pausbacken glühten tiefrot und sein sorgsam gezwirbelter Schnurrbart bebte verräterisch. Wie üblich wurde unser Zirkusdirektor von zwei hochgewachsenen Vampiren flankiert, die für seinen Schutz zuständig waren. Sein Seher-Äffchen Gimo saß auf seiner Schulter.

„Nichts“, hielt Gerrik in Sachen Verschwiegenheit Wort. Mit unbewegter Miene wandte er sich den Metallstreben zu und überprüfte ein letztes Mal die Halterungen der Zuschauertribüne, ruhig und präzise wie zuvor, als ich ihn in der Hoffnung auf ein wenig Zerstreuung aufgesucht hatte.

„Wir haben uns nur unterhalten.“ Neben anderen … Dingen. Da unser Direktor Liebeleien nicht erlaubte, unterdrückte ich das Lächeln, das sich bei der Erinnerung auf mein Gesicht stehlen wollte.

Das schwarze Äffchen mit den übergroßen runden Ohren fuchtelte warnend mit seinem winzigen Zeigefinger. Seine Weissagung, dass Ärger in Anmarsch war, war allerdings überflüssig. Borwins aufziehendes Donnerwetter hing mehr als offensichtlich in der Luft, bereit, sich jeden Moment über mir zu entladen. „Du solltest direkt zu mir kommen!“

Die Erwiderung, dass ich ihm das Diebesgut gleich gebracht hätte, lag mir auf der Zunge. Das würde jedoch die Frage aufwerfen, was mich aufgehalten hatte. Außerdem durfte Gerrik nichts von meinen Sondereinsätzen wissen. Er dachte, ich würde wie die anderen Illusionisten ausschließlich im Zirkus arbeiten.

„Und du“, blaffte Borwin Gerrik an, „sollst die Tribüne aufbauen und nicht meine Mädchen aufhalten.“

„Wird gemacht.“ Warum Gerrik sich für den Hungerlohn, den der Direktor zahlte, hergab, war mir schleierhaft. Im Gegensatz zu mir könnte er losziehen und sich eine bessere Arbeit suchen.

Ohne ein weiteres Wort wirbelte Borwin herum und verließ in der unausgesprochenen Erwartung, ich würde ihm folgen, das Zirkuszelt. Die zwei Vampire hefteten sich sofort an seine Fersen.

Gern hätte ich revoltiert und dort weitergemacht, wo er uns unterbrochen hatte. Bei einer solchen Laune sollte ich ihn allerdings nicht unnötig reizen. Heute begannen die Aufführungen und ich hatte wenig Interesse daran, Extraschichten aufgebrummt zu bekommen. Auf keinen Fall wollte ich in mehr Vorstellungen als nötig auftreten, insbesondere, wenn man das Publikum bedachte. Dass ich überhaupt gezwungen war, Dunkelelfen zu bespaßen, war eine Zumutung.

Ich nahm meine Tasche, schenkte Gerrik ein letztes stilles Lächeln und folgte dem Direktor hinaus. Obwohl er schnell ging, schmolz der Abstand rasch, denn wo ich einen Schritt machte, brauchte er zwei.

Ohne mich anzusehen, streckte Borwin die Hand in meine Richtung aus.

Ich zog den mit dem Siegel des Silberhofs versehenen Brief hervor, den ich in seinem Auftrag entwendet hatte, und ließ meine Finger ein letztes Mal über das Wachs gleiten. Sofort blitzte ein endloser Nachthimmel vor meinen Augen auf, Sterne und ein Mond, der durch all seine Zyklen raste, von der schmalen Sichel bis zur vollen Scheibe. Schnell zog ich die Hand zurück und überreichte Borwin den Brief, kaum hatte sich meine Sicht geklärt. Ja, er stammte eindeutig aus dem Königshaus von Emberfall. Die Gravur eines Siegels konnte man vielleicht fälschen, seine magische Prägung hingegen nicht.

Auch wenn ich neugierig war, was in dem gestohlenen Schreiben stand, hatte ich das Siegel unangetastet gelassen. Früher hatte ich die Unterlagen durchgesehen und versucht zu verstehen, warum jemand bereit war, dafür so viel Geld auf den Tisch zu legen. Borwin ließ sich meine Dienste gut bezahlen. Die gebrochenen Siegel hatten aber immer Ärger bedeutet und ich hatte den Inhalt meist ohnehin nicht verstanden. Und wenn doch, war mir nur umso deutlicher geworden, dass ich Teil eines kriminellen, bisweilen sogar skrupellosen Netzwerks war. Da ich daran nichts ändern konnte, hatte ich mir die Neugier abgewöhnt und aufgehört, Fragen zu stellen. Am Ende zählte bloß eine Zahl: neunhundertzwölf. Mit diesem Auftrag waren es neunhundertelf. So oft müsste ich noch losziehen, dann würde Borwin den Schwur lösen, der meine Schwester an dieses Leben band.

Die blassen Vampire bauten sich breitbeinig und mit im Rücken verschränkten Händen vor dem Eingang auf. Die beiden schwarz gekleideten Männer waren schmal, dennoch durfte man sie nicht unterschätzen. Sie nährten sich außerhalb des Zirkus, doch wer Borwin zu nahe kam, konnte schnell zur Zwischenmahlzeit werden.

Borwin wuchtete sich die knarrenden Stufen zu seinem Wagen hoch, einem viereckigen Gefährt, dessen dunkelgrüne Lackierung die Nachmittagssonne reflektierte. Messingbeschläge glänzten an den Ecken, kunstvoll eingravierte Muster zogen sich über die ganze Länge und über der Rundbogentür thronte in geschwungener Goldschrift das Wort Direktion. Bei jeder Reise führte Borwins Wagen den Tross an. Er war die unangefochtene Spitze des Zirkus Amelli auf vier Rädern und zugleich die Schaltzentrale eines Mannes, dessen Versprechen an seine Auftraggeber sich kaum von dem unterschied, das er seinem Publikum gab: Wirklichkeit ist, was wir daraus machen.

Ich folgte ihm ins Innere, wo mich der vertraute Überfluss empfing. Schwere Vorhänge aus bordeauxrotem Samt verschluckten das Licht und eine Standuhr tickte so laut, als wollte sie mahnen, dass die kostbare Zeit eines Zirkusdirektors schneller verrann als die von anderen. Auf dem Tisch vor ihm lagen ein Fernrohr, ein Stapel handschriftlicher Notizen mit mathematischen Formeln und ein vergoldeter Becher, aus dem noch der bittere Duft kalten Kaffees aufstieg – ein Bild des unachtsamen Chaos, wie es auf den ersten Blick schien. In Wahrheit war es jedoch die sorgfältige Inszenierung einer Person, die genau wusste, wie sie sich als weltmännisch präsentierte. Und die nie vergaß, dass jedes Detail zählte, auch außerhalb der Manege.

„Irgendwelche Auffälligkeiten?“, erkundigte er sich knapp, während er sich in den smaragdgrünen Brokatsessel fallen ließ, der eigentlich viel zu groß für den kleinen Raum war.

Gimo hüpfte von seiner Schulter auf die Lehne und weiter auf das Regal, das er als seinen Stammplatz auserkoren hatte und wo inzwischen ein rotes Polster mit goldenen Nähten für ihn bereitlag. Sehertiere waren selten und sehr wertvoll. Manchmal fragte ich mich, ob Borwin sich Gimo des Prestiges wegen hielt oder ob er seine Gabe auch wertschätzte.

„Wenige.“ Nur ein übergriffiger Kartenspieler, der seine Finger nicht bei sich behalten hatte. Unterm Strich war ich einfach erleichtert, dass der Auftrag glimpflich verlaufen war und ich ihn erfüllt hatte. Die Mühe, Borwin von derlei Schwierigkeiten zu berichten, konnte ich mir ohnehin sparen. Er war der Meinung, man könne den Männern ein solches Verhalten nicht verübeln, zumal ich die Illusion eines attraktiven Äußeren ganz bewusst als Eintrittskarte bei meinen Aufträgen nutzte. Als sei Zudringlichkeit eben der Preis, den ich für meinen Betrug zahlen müsse. Mehrfach hatte ich ihn gefragt, wie er ein derartiges Auftreten Frauen gegenüber rechtfertigte, die gar nichts vortäuschten, sondern von Natur aus schön waren. Auf eine sinnhafte Antwort wartete ich bis heute.

„Gut, gut“, murmelte er vor sich hin, während er das Siegel des entwendeten Briefs untersuchte. „Du bist entlassen. Übernimm für mich die Eröffnung. Ich habe zu tun.“ Er wedelte mit der Hand, als würde er eine Fliege verscheuchen.

Ich blieb stehen. „Du hast etwas vergessen.“

„Was noch?“, ranzte Borwin mich an.

„Den Eintrag.“

„Mach ich später.“

„Nein, jetzt.“ Er hatte schon oft versäumt, einen meiner Aufträge zu notieren, und dann behauptet, ich würde mich irren. Er hatte keinerlei Interesse daran, mich eines Tages freizugeben, denn neben dem Zirkus war ich seine beste Einnahmequelle.

Normalerweise erntete ich mehr Widerstand. Dieses Mal zog er leise grollend das Büchlein, in dem er die Anzahl meiner Einsätze vermerkte, aus einer Schublade. Vermutlich, weil er mich loswerden wollte. Er schlug es in der Mitte auf und setzte einen weiteren Strich.

„Zwei“, versuchte ich zu verhandeln.

Gimo schleuderte die Hand durch die Luft, als würde er ein paar unsichtbare Würfel werfen, und starrte das imaginäre Ergebnis dramatisch an, als wäre es das Urteil des Schicksals. Mit einem Schulterzucken sah er auf und hielt einen einzelnen Finger hoch. Wäre seine Weissagung nicht so traurig, hätte ich über seine pantomimische Leistung gelacht.

„Du musstest dich kaum vorbereiten, bist da reinmarschiert, hast ihm schöne Augen gemacht und deine hübschen Fingerchen nach einem Stück Papier ausgestreckt. Einer reicht.“

Wie ich diesen Mann hasste. Einzig der Gedanke, dass ich ihn eines Tages hinter mir lassen würde, trieb mich an. Neunhundertelf. Wenn Borwin weiter so schnell abwickelbare Aufträge beschaffte, machte das weniger als neun Jahre. Dann wäre meine Schwester frei. Und danach würde ich für meine eigene Freiheit arbeiten.

Hier endet die Leseprobe

Weiterlesen?

Der Hof der silbernen Nacht

Der Hof der silbernen Nacht

Band 1 der Schattenlicht-Dilogie · beide Bände erschienen

4,7 ★ bei 1.013 Amazon-Bewertungen

24,00 €

Zur Buchseite
Lieber beide Bände auf einmal? Die Schattenlicht-Dilogie – zusammen für 48,00 €.

Noch unschlüssig? Der Wegweiser hilft  ·  Alle Bücher

Dein WarenkorbZum Warenkorb